Von Zeiten als ein Parkplatz unser Zuhause war

Lange haben wir keinen Artikel mehr geschrieben. Nicht, weil nichts passiert ist. Sondern eher im Gegenteil. Unsere letzten drei Monate in Australien waren so vollgepackt, dass wir gar nicht gewusst haben wo wir anfangen sollen mit schreiben. Inzwischen ist das Kapitel beendet. Verrückt! Ein Jahr waren wir in Down Under. Am 19. April haben wir uns in Sydney ins Flugzeug gesetzt und diesen wunderschönen Kontinent verlassen.

Jetzt sind ein paar Tage vergangen und wir haben nochmal die letzten Wochen Revue passieren lassen. Wenn wir daran denken, dann machen sich bei uns irgendwie gemischte Gefühle breit. Warum?

Da fangen wir am besten von vorn an.

Nachdem wir Anfang Januar von unserem Westküstentrip zurück nach Geelong kamen, hatten wir keinen Plan. Wirklich keinen Plan. Wir brauchten unbedingt einen Job und hatten keinen so wirklich in Aussicht. Wir schrieben mit vereinzelten Farmen und bekamen entweder eher schwammige Antworten oder gar keine.

Aber Sorgen hatten wir uns nicht gemacht. Das wird schon. Bis jetzt kam immer irgendwo ein Lichtlein her und das wird sich ganz sicher bald wieder zeigen. Wir waren bereits eine Woche zurück in Geelong, verbrachten viel Zeit mit Cath und Ross und am Strand – Christian hauptsächlich auf seinem Surfbrett im Wasser :). Und dann kam plötzlich eine Nachricht eingeflattert.

Wir können in der nächsten Woche in Melbourne mit einem neuen Job starten – dem Austragen von Telefonbüchern, oder besser gesagt den Gelben Seiten. Wir brauchen nur ein Auto. Das haben wir, wir sind dabei.
Also haben wir uns ein paar Tage später vorerst von Cath und Ross verabschiedet und sind nach Melbourne gedüst. Wir verbrachten die Nacht auf einem Parkplatz direkt am Strand und standen am nächsten Morgen früh halb 8 im Lagerhaus bereit für eine neue Aufgabe.

Der erste Eindruck war dann eher durchwachsen. „Wenn ihr ein bisschen Übung habt, dann solltet ihr um die 1000 Bücher am Tag schaffen.“ Das war die Aussage von unserem Chef JJ. Wie bitte? Das sind aber jede Menge Bücher…
Am ersten Tag waren wir knapp 10h unterwegs und am Abend völlig erledigt. Die Ausbeute des Tages: knapp 600 Bücher. Das war offensichtlich kein guter Schnitt und so richtig konnten wir uns nicht vorstellen, wie das noch besser werden sollte. Aber JJ ermutigte uns in den nächsten Tagen nicht aufzugeben, gab uns ein paar Tipps und nachdem wir uns zwei kleine Trolleys gekauft hatten lief es auch zunehmend besser.

So zog eine Woche nach der anderen vorüber und wir hatten unseren Schlafplatz auf „unserem“ Parkplatz in der ganzen Zeit nicht aufgegeben. Wir haben im Laufe der Zeit eine Routine entwickelt, die sowohl etwas anstrengend als auch unglaublich schön war. Der Wecker klingelte jeden früh um 6 und wir wachten mit dem Blick auf das Meer vor unserer Windschutzscheibe auf, machten uns an der Stranddusche frisch für den Tag, putzten Zähne mitten auf dem Parkplatz mit Blick auf die Wellen und die Skyline von Melbourne und beobachten die inzwischen bekannten Gesichter, die jeden Morgen ihre Runde mit ihrem Hund drehten.

Um 7 waren wir im Lager, beluden unseren Manni mit den Büchern für den Tag und fuhren in unser Gebiet. Der erste Weg führte dabei immer in einen Park oder ähnliches. Hauptsache irgendeine schöne Grünfläche, auf der wir unsere Decke ausbreiten konnten. Es gab erstmal Frühstück.
Dann ging es an die Arbeit. Wir hatten inzwischen ein System für uns entwickelt, mit dem wir für uns recht effektiv die Bücher losgeworden sind und so verging Stunde für Stunde. Zum Mittag kehrten wir auf unsere Decke zurück und am Abend war es das beste Gefühl des Tages, wenn wir das letzte Buch in den Briefkasten steckten.

Geduscht haben wir täglich im Schwimmbad um die Ecke für 1$ pro Person und dann ging es zurück nach Hause – ans Meer. Mit unserem Gaskocher bewaffnet haben wir uns noch Dinner gezaubert und dabei den Sonnenuntergang bestaunt. Und genau in diesen Momenten war die Welt einfach in Ordnung. Das Geschleppe der Bücher und die 25 gelaufenen Kilometer vom Tag waren vergessen und wir waren einfach zufrieden. Ja, genau deswegen sind wir hier. Das war uns in diesen Momenten besonders bewusst. Unser ganzes Hab und Gut sind ein Auto und das bisschen Gepäck im Inneren. Sonst gibt es nur die Meeresluft, die uns um die Nase weht, die letzten Sonnenstrahlen auf der Haut und das fette Grinsen in unseren Gesichtern.

Es war anstrengend keinen Platz für sich und seinen Kram zu haben; kein eigenes Badezimmer am Morgen oder Abend, das wir uns nicht mit mehreren Menschen teilen müssen, die ihre tägliche Schwimmeinheit hinter sich haben; keine ordentliche Küche, bei der nicht ständig die Gasflamme ausgeht, weil der Wind weht und kein gemütliches Sofa, auf das wir uns nach einem anstrengenden Tag mal lümmeln können, vor allem wenn es draußen regnet.

Aber wir hatten uns, unser Auto und diesen Parkplatz! Hätte es uns nicht gefallen, hätten wir einen neuen Standort suchen, ein Zimmer in Melbourne buchen oder den Job aufgeben und die Stadt verlassen können. Wir waren flexibel und einfach frei! Und genau das haben wir genutzt und haben die Wochen genauso verbracht, wie wir wollten. Wir wollten unser Leben in diesem Moment nicht eintauschen und irgendwann werden wir auf unserem Sofa sitzen und in unserer Küche ohne Wind stehen und daran zurückdenken wie unfassbar gut sich die Zeit auf diesem Parkplatz angefühlt hat!

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